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Josef Karlmann Brechenmacher – der Namensgeber unserer Schule

Josef Karlmann Brechenmacher

»Josef Karlmann Brechenmacher war eine eigenwüchsige Begabung, ausgezeichnet durch ein ursprüngliches Verhältnis zum Wort. Als Sprachforscher und Sprachlehrer verkörperte er den echten Typus des Philologen, der von den Erscheinungen des Sprachlebens angezogen, diesen nachgeht und zu durchleuchten und zu erklären versucht. Völlig selbstständig, ohne Führung und Anleitung, erwarb er sich das Rüstzeug zur wissenschaftlichen Arbeitsweise und stieß von das auf Grund kritischer Beschäftigung mit seinem Quellenmaterial zur wissenschaftlichen Aussage vor.


Schon der Schüler Brechenmacher war von einem wahrhaft unersättlichen Lesehunger besessen – zu seiner Zeit waren allerdings noch, wie er gern erzählte, Goethe, Heine und manche andere ›an die Kette gebunden‹, und er musste sie heimlich unter der Bank lesen. Als junger Lehrer setzte er auf seiner Landschule die Studien mit ungewöhnlichem Ernst und Eifer und allerdings auch einer außerordentlichen Arbeitskraft fort. So erzählte er gelegentlich, wie er als junger Lehrer, damals noch ›Provisor‹ genannt, jede Woche zwei- bis dreimal um 2 Uhr in der Frühe aufzustehen pflegte, sich an die Arbeit machte und dann um 7 oder 8 Uhr, je nach der Jahreszeit, den Unterricht aufnahm! In späteren Jahren war ein 16-stündiger Arbeitstag die Regel. Bevorzugtes Arbeitsgebiet war zunächst die deutsche Dichtung des 18. und 19. Jahrhunderts.


Die Schultätigkeit führte ihn bald einer neuen Arbeit zu, der quellenmäßigen Bearbeitung von Lesebuchtexten geschichtlichen und kulturgeschichtlichen Inhaltes. Eine oft recht mühsame Arbeit, zumal die Quellen dünn und spärlich flossen. Aber er empfand es als eine wirkliche Entdeckung, wenn er nachweisen konnte, dass der Held der Ballade vom ›Braven Mann‹ ein Schwabe war, dass der wackere Schwabe aus der ›Schwäbischen Kunde‹ wirklich geschichtlich überliefert ist und jener ›Schwabenstreich‹ offenbar auch vollführt wurde.


Im Laufe der Jahre wandte er sich jedoch mehr und mehr der philologischen Forschung im engeren Sinn des Wortes zu, d.h. der Geschichte und dem Leben der Sprache selbst. Drei Arbeitsgebiete zeichnen sich in der Folgezeit klar ab: die Mundartforschung, die deutsche Sprachgeschichte und als engstes und eigenstes Spezialgebiet die Namen- und Sippenkunde.


Für die Mundartforschung brachte Brechenmacher die besten Voraussetzungen mit. Er war als Sohn eines Landlehrers im oberschwäbischen Dorf Oberdischingen aufgewachsen, und er ist diesem ursprünglichen Menschentum sein Leben lang verbunden geblieben. Der unverbildete bäuerliche Mensch war der Ausgangspunkt, die angeborene Mundart der Mutterboden seiner Untersuchungen. –


Auf Grund seiner ungemeinen Belesenheit war er auch jahrelang geschätzter Mitarbeiter des ›Schwäbischen Wörterbuchs‹. Als reifste Frucht seines Schaffens auf diesem Gebiet legte er die ›Schwäbische Sprachkunde‹ vor. Was er hier der Schule gab an Hinweisen und Beobachtungen auf dem Gebiet des mundartlichen Sprachlebens, wie er alten Ausdrücken wie z.B. ›gotzig‹ und ›knitz‹ liebevoll nachging, das hat in viele Schulstuben hinein fruchtbar und anregend gewirkt. Auf diese Weise hat er dazu beigetragen, den sprachkundlichen Unterricht aus dem dürren Grammatikunterricht herauszuführen, zur Mundart als der eigentlichen Muttersprache des Kindes hinzuführen und an sie anknüpfend, auf ihr aufbauend zur hochdeutschen Schriftsprache weiterzuführen und das Kind in ihr heimisch zu machen.«


Was seine Arbeiten auf dem Gebiet der deutschen Sprachgeschichte anbetrifft, darf ich mich beschränken, auf die ›Deutsche Sprachkunde‹ und auf den Band ›Deutsche Lautgeschichten‹ hinzuweisen, in denen er seine Erkenntnisse und Betrachtungsweise bereits ›schulfertig‹ vorgelegt hat.


Der wissenschaftliche Hauptverdienst von Josef Karlmann Brechenmacher liegt indessen auf dem Gebiet der Namenskunde, vor allem der Familiennamen. In jahrzehntelanger Sammel- und Forschertätigkeit hat er das Auftreten, die lautlichen Abwandlungen und die Ausbreitung der einzelnen Namen im gesamten deutschen Sprachraum unter Heranziehung aller nur erreichbaren Quellen über die Jahrhunderte hinweg verfolgt und dabei reiche Ergebnisse zutage gefördert. Sein ›Deutsches Namensbuch‹, seine ›Deutschen Sippennamen‹, vor allem aber sein ›Etymologisches Wörterbuch der deutschen Familiennamen‹ sichern ihm einen Ehrenplatz in diesem Bereich der Sprachwissenschaft.


Der Auszug ist entnommen aus den Aufzeichnungen seines Schülers Stefan Ott, unseres Heimatbuch-Autors, der durch den Tod Brechenmachers beim Etymologischen Wörterbuches die Korrekturdurchsicht übernahm, und das Werk zum Druck gab.

Ausführliche Biographie (Stefan Ott)


Josef Karlmann Brechenmacher 1877–1960

Sprachforscher und Pädagoge
Professor und Ehrensenator der Universität Tübingen
Ehrenbürger der Stadt Saulgau

21.2.1877geboren in Oberdischingen
1883–1891Besuch der Oberdischinger Volksschule bei seinem Vater, dem Lehrer Rupert Brechenmacher (1850–1908)
1891–1895Ausbildung zum Volksschullehrer am Lehrerseminar Gmünd
1895–1899Lehrgehilfe und Lehrer-Stellvertreter in Wehingen, Munderkingen und Mengen
1900»Definitiver« Lehrer in Hundersingen, Oberamt Ehingen
1903Heirat mit Karoline Theresia, geb. Strub, 4 Kinder
1907Hauptlehrer in Stuttgart
1912Seminaroberlehrer, ab 1920 »Wissenschaftlicher Hauptlehrer«
(Professor) für das Fach Deutsch am Lehrerseminar Rottweil
1928Oberstudiendirektor am Lehrerseminar Saulgau
1934Zwangspensionierung wegen seiner kritischen Haltung gegenüber den Nationalsozialisten – Umsiedlung nach Stuttgart – privater Forschungsschwerpunkt »Etymologie der Familiennamen«
1944bei Fliegerangriff auf Stuttgart Verlust der Wohnung und nahezu aller wissenschaftlicher Unterlagen und Sammlungen – Rückkehr nach Saulgau
1945von der französischen Militärregierung zum Vorsitzenden der
Entnazifizierungskommission ernannt
1946Oberstudiendirektor der Lehrer-Oberschule Saulgau
1950anlässlich seiner Pensionierung vom Lehrerverein Württemberg-
Hohenzollern zum Ehrenvorsitzenden und »Praeceptor Suebiae« (Lehrer Schwabens) ernannt
8.6.1960gestorben in Saulgau

Als Brechenmacher 1947 Ehrensenator der Universität Tübingen wird, gilt diese Ehrung laut Verleihungsurkunde »dem bedeutenden Sprachforscher und Sprachlehrer, dem hervorragenden Kenner der Mundartforschung, dem Meister der Namen- und Sippenkunde, dem großen Erzieher der Jugend, dem in der Heimat verwurzelten bescheidenen Bürger«. Zahlreiche Veröffentlichungen beherrschen sein Lebenswerk. Das 1957 veröffentlichte Etymologische Wörterbuch der deutschen Namen- und Sippenkunde mit der Herkunft und Bedeutung von Namen ist zu einem Grundlagenwerk geworden, das heute noch Bestand hat.

Sein Leitspruch »wir arbeiten nicht für heute und nicht für morgen; wir arbeiten, um eine Tradition zu begründen!«, der sein ganzes Leben und Arbeiten bestimmte, verdeutlicht seinen außergewöhnlichen Anspruch an sich selbst und seinen pädagogischen Auftrag. Er war nicht am materiellen Erfolg orientiert, sondern am verantwortungsvollen, nachhaltigen gesellschaftlichen Wirken.


Quelle: Werner Kreitmeier, Museumsverein Oberdischingen